Dienstag, 6. Oktober 2026

Tempo-voyajo

 

Kapitel 1 – Zum Glück nicht meine Zeit
„Du würdest da keine fünf Minuten aushalten.“
Ich sah noch immer auf den Fernseher.
Auf dem Bildschirm stand ein Mädchen in einem hellblauen Kleid vor einem weißen Haus. Ihre Haare waren zu einer perfekten Frisur gelegt, und sie lächelte so freundlich, dass es beinahe weh tat.
„Was?“, fragte meine Mutter aus dem Wohnzimmer.
„Nichts.“
Ich nahm die Fernbedienung und stoppte den Film.
Es war einer dieser alten amerikanischen Filme, die ich eigentlich ganz gern mochte. Alles sah darin so ordentlich aus. Die Häuser. Die Autos. Die Küchen. Sogar die Menschen.
Vor allem die Mädchen.
Sie trugen Röcke und Kleider, lächelten viel und sagten Dinge wie Oh, Mutter! oder Ja, Papa!
Ich musste lachen.
„Was ist denn so lustig?“, fragte meine Mutter.
„Nichts. Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, dass ich froh bin, nicht in den Fünfzigern zu leben.“
Sie kam ins Zimmer und stellte mir ein Glas Wasser auf den Tisch.
„Warum?“
Ich deutete auf den Fernseher.
„Na, schau sie dir an.“
Meine Mutter setzte sich neben mich.
„Sie sieht doch hübsch aus.“
„Darum geht's nicht.“
Ich überlegte kurz.
„Ich müsste den ganzen Tag Kleider tragen. Ich dürfte wahrscheinlich nicht allein irgendwohin. Und wenn ich irgendwann heiraten würde, müsste ich wahrscheinlich zu Hause bleiben und auf Kinder aufpassen.“
„Wahrscheinlich?“
Ich grinste.
„Na gut. Ganz bestimmt.“
Meine Mutter schüttelte den Kopf.
„Dann ist es ja gut, dass du 2010 geboren bist.“
„2010?“, wiederholte ich.
„Ja.“
Ich musste wieder lachen.
„Das klingt jetzt schon uralt.“
Meine Mutter stand auf.
„Gute Nacht, Lena.“
„Gute Nacht.“
Ich blieb noch einen Moment sitzen.
Auf dem eingefrorenen Fernsehbild lächelte das Mädchen immer noch.
Ich stellte mir vor, wie es wäre, einen einzigen Tag in dieser Zeit zu verbringen.
Nur einen.
Vielleicht wäre es sogar interessant.
Ich könnte die alten Autos sehen. Einen Milchshake trinken. Einen dieser Petticoats tragen.
Aber danach würde ich sofort wieder nach Hause wollen.
Ich schaltete den Fernseher aus.
Zum Glück lebte ich nicht in den Fünfzigern.
Kapitel 2 – Mary
„Schätzchen?“
Ich öffnete die Augen.
Jemand sprach mit mir.
Eine Frau.
Ich drehte mich auf die andere Seite und zog die Decke über den Kopf.
„Schätzchen, bist du wach?“
Ich blinzelte.
Das war nicht die Stimme meiner Mutter.
Ich setzte mich auf.
Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war.
Das Zimmer war fremd.
Sehr fremd.
Eine geblümte Tapete. Ein kleiner weißer Schrank. Ein Spiegel mit einem geschwungenen Holzrahmen. Auf einem Stuhl lag ein Kleid.
Ich starrte es an.
Ein Kleid.
Kein modernes Kleid.
Ein richtiges Kleid.
Hellblau. Mit einem weiten Rock.
„Was soll das denn?“
Die Tür öffnete sich.
Eine Frau kam herein.
Sie war vielleicht Mitte vierzig und trug ein geblümtes Kleid mit einer Schürze darüber.
Sie lächelte.
„Da bist du ja.“
Ich sah sie an.
Sie sah mich an.
Dann wurde ihr Lächeln unsicher.
„Geht es dir gut, mein Schatz?“
Ich sagte nichts.
Die Frau trat näher.
„Mary?“
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken.
„Wer ist Mary?“
Die Frau erstarrte.
Nur für einen Augenblick.
Dann lachte sie nervös.
„Sehr witzig.“
„Ich meine das ernst.“
Sie sah mich an, als hätte ich etwas völlig Verrücktes gesagt.
„Mary, wir haben keine Zeit für so etwas. Dein Vater ist schon unten.“
Ich schob die Decke zurück.
„Wo bin ich?“
Jetzt sah sie mich wirklich besorgt an.
„Zu Hause, mein Schatz.“
Zu Hause.
Ich sah mich noch einmal um.
Nein.
Das war nicht mein Zimmer.
Das war nicht meine Wohnung.
Und diese Frau war nicht meine Mutter.
Ich sprang aus dem Bett.
Auf dem Boden lagen Schuhe.
Weiße Schuhe.
Daneben ein Paar Strümpfe.
Ich ging zum Fenster.
Draußen standen zwei Autos.
Ich kannte mich mit Autos nicht besonders gut aus.
Aber selbst ich wusste, dass diese Autos nicht von 2026 waren.
Hinter mir sagte die Frau leise:
„Mary ... was ist mit dir los?“
Ich drehte mich um.
Und zum ersten Mal bemerkte ich das Foto auf dem Nachttisch.
Ein Mädchen.
Ungefähr sechzehn.
Es sah mir ähnlich.
Sehr ähnlich.
Es trug das hellblaue Kleid.
Daneben stand ein Mann.
Und die Frau, die gerade vor mir stand.
Auf der Rückseite des Fotos war etwas geschrieben.
Ich nahm es in die Hand.
Mary – sechzehn Jahre alt.
Mir wurde schlecht.
Denn darunter stand ein Datum.
6. Oktober 1956.
Ich würde genau hier erst einmal aufhören. Der Leser weiß jetzt genauso wenig wie Lena, was passiert ist. Und als Nächstes können wir wunderbar herausarbeiten, wie sie langsam erkennt, dass sie nicht einfach in einem Filmset gelandet ist, sondern in einer Familie, die sie seit sechzehn Jahren für ihre Tochter hält.

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