Du hast recht — das war zu schnell erzählt. Zu viel Wand, zu wenig Lena. Und
*DAS KLEID - Zweite Fassung*
Ich heiße Lena, ich bin siebzehn, und ich bin Expertin dafür, auf Partys unsichtbar zu sein.
Das ist kein Witz. Ich kann in einer vollen Küche stehen und niemand sieht mich. Ich lache an den richtigen Stellen, ich nicke, ich halte mein Getränk fest wie einen Schutzschild. Meine beste Freundin Jule sagt, ich mache mich selbst klein. Sie hat recht. Ich habe seit zwei Jahren einen Pulli, der zwei Nummern zu groß ist, und ich liebe ihn, weil er mich schluckt.
Deshalb wollte ich eigentlich nicht auf diese Halloween-Party in der Villa am Schlachtensee. Jule hat aber gesagt: "Wenn du nicht kommst, gehe ich auch nicht. Und dann sitzen wir beide zu Hause und schauen schlechte Horrorfilme." Also bin ich mit.
Nur: Was anziehen? Alles in meinem Schrank lässt mich verschwinden.
Deshalb bin ich nachmittags ins "Fundstück" in Neukölln. Der Second-Hand-Laden riecht nach Mottenkugeln und alten Büchern. Ich wühle mich durch die Stangen, bis meine Hand an etwas hängen bleibt.
Dunkelroter Samt. Siebziger Jahre. Lange Ärmel, hoher Kragen, der Saum leicht ausgefranst. Ich halte es vor mich im Spiegel und erschrecke. Ich sehe nicht verkleidet aus. Ich sehe aus wie ich, nur mutiger.
An der Kasse sagt die alte Besitzerin, ohne aufzusehen: "Ah. Das kommt immer wieder zurück." Ihre Stimme ist nicht gruselig. Sie klingt müde und ein bisschen stolz.
"Es wird oft zurückgebracht?", frage ich.
Sie schaut jetzt hoch, lächelt. "Nein. Es kommt zurück."
Ich verstehe nicht, was sie meint, bezahle 15 Euro und gehe.
Auf der Party ist alles wie erwartet laut und voll. Nebelmaschine, Jungs mit Kunstblut, das nach Ketchup riecht. Ich stehe in meinem Samtkleid in der Küche und fühle mich zum ersten Mal nicht unsichtbar — sondern beobachtet. Aber auf eine gute Art. Jemand ruft: "Cooles Kleid!" Ich werde rot, aber ich lächele zurück. Das passiert mir sonst nie.
Irgendwann wird mir alles zu viel. Das ist mein Muster. Zu viele Leute, zu laut, ich muss kurz weg. Ich flüchte nach oben auf den Dachboden. Da ist es kühler. Da ist eine kleine Bar und eine Lichterkette. Und eine Wand.
Die ganze Wand ist voll mit Polaroids. Hunderte. Schief geklebt, mit Tesafilm, der schon gelb ist.
Ich gehe näher. Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer und dann bleibt es fast stehen.
Auf jedem Foto trägt ein Mädchen mein Kleid.
Dasselbe Rot. Derselbe ausgefranste Saum. Derselbe kleine Fleck am Ärmel, der aussieht wie ein Herz. Ich dachte, das ist ein Fleck. Es ist eine Stickerei.
2019, ein Mädchen mit grünen Strähnen. 2008, ein Mädchen mit Zahnspange. 1995, ein Mädchen mit sehr viel blauem Lidschatten. Alle stehen in genau dieser Ecke, wo ich jetzt stehe. Alle haben diesen Blick. Nicht glücklich. Nicht traurig. Sondern so, als hätten sie gerade etwas verstanden.
Ich bekomme Gänsehaut an den Armen. Unter dem Samt.
Ganz unten, fast verdeckt, ist ein Foto, bei dem die Farben schon ausgeblichen sind. Ein Mädchen mit kurzen dunklen Haaren, mit einer Lederjacke über dem Kleid. Sie hat meine Nase. Meinen Leberfleck am Schlüsselbein. Den habe ich von meiner Mutter geerbt.
Darunter steht: _Katja, 1998_.
Meine Mutter heißt Katja.
Ich setze mich auf den kalten Holzboden. Mein Kleid raschelt. Ich wähle ihre Nummer. Meine Hände zittern ein bisschen, weil ich plötzlich Angst habe. Nicht vor Geistern. Sondern davor, dass sie lügt.
"Mama?"
"Lena? Schatz, ist was passiert? Bist du okay?" Sie klingt sofort wach. Mama hat diesen Mutter-Radar, auch um 23:14 Uhr.
Ich flüstere: "Das Kleid. Das rote Samtkleid. Woher hast du das?"
Am anderen Ende ist es still. Ich höre, wie sie atmet. Tief ein und aus.
"Wo bist du?", fragt sie leise.
"Auf einer Party. Am Schlachtensee. In einer alten Villa. Auf dem Dachboden hängen Fotos. Du hängst hier. Mit meinem Kleid."
Wieder Stille. Dann höre ich ein Geräusch, das ich nicht kenne. Mama weint nicht. Mama weint nie. Aber ihre Stimme bricht.
"Oh, mein Herz", sagt sie. "Ich habe gehofft, dass du es irgendwann findest. Aber ich hatte auch Angst."
"Angst wovor?"
"Dass du denkst, ich habe dich angelogen."
Und dann erzählt sie. Nicht wie vorhin, nicht als Fakten. Sie erzählt, wie sie sich gefühlt hat.
1998 war sie 17, gerade aus Chemnitz nach Berlin gekommen, mit starkem Dialekt, für den sie sich geschämt hat. Sie war genau wie ich. Unsichtbar. Sie wollte nie auf Partys. Eine Freundin hat sie zu dieser Villa geschleppt. Sie hatte kein Geld, hat sich dieses Kleid geliehen. Sie wollte sich auf dem Dachboden verstecken und nach Hause fahren.
"Dann habe ich die Wand gesehen", sagt sie. "Zehn Fotos damals erst. Ich dachte, ich bin die Nächste, die verschwindet. Ich hatte solche Angst, Lena. Ich habe auf dem Boden gesessen und geheult. In deinem Kleid."
"Und dann?"
"Dann ist ein Junge hochgekommen. Er hat nicht gesagt 'Geile Party' oder so. Er hat gesagt: 'Du siehst aus, als brauchst du kurz Luft.' Er hat sich neben mich gesetzt. Wir haben uns die Fotos angeschaut. Er hat gesagt: 'Vielleicht sind das keine Warnungen. Vielleicht sind das Einladungen.' Das war Papa."
Ich muss lachen und gleichzeitig kommen mir die Tränen. Weil ich das kenne. Dieses Gefühl, zu viel zu sein und gleichzeitig zu wenig.
"Und die anderen Mädchen?", frage ich.
"Ich habe sie alle kennengelernt. Nach und nach. Beate von 1995, Jasmin von 2002. Wir sind immer noch befreundet. Wir treffen uns jedes Jahr, einmal, im Fundstück. Wir bringen das Kleid zurück. Die Besitzerin ist Beates Mutter. Das ist kein Spuk, Lena. Das ist unser Club. Wir geben das Kleid weiter an die Nächste, die das Gefühl hat, dass sie verschwindet. Damit sie für einen Abend bleibt."
Ich schaue auf die Wand. Ich sehe die Mädchen jetzt anders. Nicht gruselig. Mutig.
"Und hast du jemanden kennengelernt?", fragt Mama plötzlich und klingt wieder wie Mama. "Außer der Wand?"
Ich denke an unten. An den Jungen an der Bar, der vorhin "Cooles Kleid!" gerufen hat. Er hatte freundliche Augen. Er hatte nicht versucht, cool zu sein.
"Vielleicht", sage ich und lächle zum ersten Mal richtig an diesem Abend.
"Gut", sagt sie. "Dann bleib noch ein bisschen. Und wenn du willst, häng dein Foto dazu."
Ich lege auf. Jule kommt die Treppe hoch, sieht mich auf dem Boden sitzen, sieht das Kleid, sieht die Wand.
"Oh wow", sagt sie leise und setzt sich neben mich. "Du siehst... du siehst nicht mehr aus, als würdest du gleich abhauen."
"Ich hau nicht ab", sage ich.
Auf der Bar liegt die Polaroid-Kamera. Jule nimmt sie, ohne dass ich was sagen muss. "Für die Nächste", steht auf dem Zettel daneben.
Sie macht ein Foto von mir. Ich stehe nicht schief. Ich verstecke meine Hände nicht. Ich sehe aus wie jemand, der da ist.
Ich klebe es neben das Foto meiner Mutter. Ich schreibe: _Lena, 2026_. Und darunter: _Ich bin geblieben._
Das Kleid bringe ich morgen zurück ins Fundstück. Damit es wieder zurückkommen kann.
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